Samstag, 31. Oktober 2026

Das (verbrauchte) Budget => wir reden mal (wieder) über Geld

  




Hier, wie immer am Ende einer Reise/eines Reiseabschnitts kommt die Gesamtabrechnung. Was hat mich die Reise gekostet, bzw. mit welchen Kosten müsst ihr bei einer vergleichbaren Reise rechnen. Die Unterteilung der Kosten betrifft in dieser Aufstellung die vier Blöcke Unterkunft, Ernährung, Benzin und Sonderausgaben. Der Flug und das Motorrad sind NICHT mit in der Kostenaufstellung enthalten.

Fangen wir mit den Kosten für die Unterkünfte an. 6 Nächte in Hotels, die ich mir alle kostenseitig mit Oliver geteilt habe. Wir haben immer in Hotels übernachtet, bei den Südamerikareisen verzichte ich/verzichten wir (bisher), aus Sicherheitsgründen, anders als in Nordamerika, auf Übernachtungen im Zelt. Die Unterkünfte hatten meist gute bis sehr gute Qualität, wir hatten immer ein Doppelzimmer mit zwei Betten, ein eigenes Bad war immer dabei. Auch ein Frühstück war fast immer Bestandteil der Buchung. Ich konnte auf dieser Reise ich einen Durchschnittspreis von ca. 43 Euro pro Übernachtung (pro Person) realisieren. Natürlich ist mir klar, dass es, bei gleicher Hotelqualität als Alleinreisender dann doppelt so teuer wäre. Allerdings hätte ich dann allein einfachere Hotels gewählt um die Kosten zu reduzieren, so dass ich mal „behaupte“ dass man auch allein im Schnitt mit ca. 50 Euro pro Nacht auskommen kann. Natürlich bleibt dann der Komfort auf der Strecke und auch geteilte Badezimmer sind dann meist in diesem Preis Bereich der Standard.

Thema Benzin: Der Liter Benzin kostet in Chile aktuell ca. 1,60 Euro, in Argentinien im Schnitt 1,30 Euro. Ich bin in auf dieser Reise fast genau 1.800 km gefahren, davon ca. 1.500 km in Argentinien. Ich kalkuliere hier dann im Schnitt mit 1,45 Euro für den Liter. Die „CFmoto 450 MT“ hat grob im Schnitt 5,5 Liter verbraucht. Für die 1.800 km habe ich somit ca. 100 Liter Benzin verbrannt, im Ergebnis stehen ca. 150 Euro auf der Benzin-Rechnung. Da ich die Durchschnittskosten pro Tag der Reise angebe, rechne ich die An und Abreisetrage und die Tage ohne Motorrad mit. Gesamt also acht Tage, im Durchschnitt über die 8 Tage sind es somit (gerundet) ca. 19 Euro pro Tag.

Sonderausgaben: Die Autobahngebühren sind im „wenige Euro Bereich“. Die Fährfahrt lag hin (mit Mopped) bei ca. 100 Euro und zurück (ohne Mopped) bei ca. 50 Euro. Jeweils pro Person. Sonderausgaben also grob 150 Euro pro Person, geteilt durch 8 Tage, macht dann im Ergebnis ca. 18 Euro pro Tag

Letzter Punkt, wie immer bei meinen Auflistungen, ist die Verpflegung. Vorab der Hinweis, dass wir fast jeden Tag in Restaurants gegessen haben. Wenn man mit mehreren Personen reißt, so meine Erfahrung, isst man nicht „sparsam“ auf dem Zimmer, sondern geht meistens „aus“. Für diesen Urlaub, incl. Versorgung auf dem Flughafen während der An- bzw. Abreisetage, habe ich ca. 150 Euro ausgegeben, so dass ich hier im Schnitt pro Tag gerundet ca. 20 Euro ansetze.

Macht im Ergebnis ca. 100 Euro pro Tag an Ausgaben über diese gesamte Reise.

Im „Budget-Fazit“ würde ich sagen, dass ich während dieser Reise genau im Schnitt der letzten Reisen lag. 100 Euro pro Tag sind mittlerweile ein guter Wert an dem man sich für Argentinien/Chile orientieren kann. Nordamerika liegt etwas höher. Mexiko lag (bisher) mit ca. 80 Euro pro Person und Tag drunter.

Tag 6 => Abschied von unseren Motorrädern …und „Ab nach Hause“=> Colonia del Sacramento – Buenos Aires

Freitag, 30.10.26
gefahrene Kilometer: 20 km

 




Heute haben wir gefühlt einen halben Tag Urlaub. Nach den beiden anstrengenden Fahrtagen, an denen wir früh starten und viele Kilometer bewältigen mussten, fühlt sich der Tag in Colonia del Sacramento beinahe wie ein kleiner Bonus an. Ein bisschen erinnert er an unseren Warte-Tag in Los Andes, als wir auf die Öffnung des Passes gewartet haben. Wir schlafen heute etwas länger und lassen den Morgen ganz entspannt angehen. Unser Hotel, das „Posada El Capullo“, ist etwas Besonderes. Die meisten Zimmer haben keine klassischen Fenster, sondern lediglich einen kleinen Lichtschacht. Dafür öffnen sich die Türen zu einem verglasten, wintergartenähnlichen Innenbereich, in dem auch das Frühstück serviert wird. Das Haus ist im Kolonialstil gehalten – passend zu dieser Stadt, um die Portugiesen und Spanier in der Vergangenheit mehrfach gekämpft und deren Geschichte sie sichtbar geprägt haben.

Bevor wir uns auf den Weg machen, gönnen wir uns noch eine kleine Motorradrunde durch das Städtchen. An zwei oder drei schönen Stellen halten wir an, unter anderem an der Küste, am Leuchtturm und in den engen Gassen der Altstadt. Colonia del Sacramento ist mit rund 27.000 Einwohnern überschaubar und gerade deshalb so reizvoll.Erst gegen 11:30 Uhr sind wir mit Sandra verabredet. Sie ist unsere Ansprechpartnerin für die Einlagerung der Motorräder; der Treffpunkt liegt etwa 15 Kilometer außerhalb von Colonia. Sandra hat aus der Unterbringung von Fahrzeugen ein eigenes Geschäft gemacht. Gegen ein monatliches Entgelt stellt sie Reisenden Stellplätze für Motorräder, LKWs und andere Fahrzeuge zur Verfügung. Unsere Motorräder sollen nun hier nun bis zur nächsten Reise bleiben. Nur etwa 20 Minuten nach der Abfahrt aus Colonia erreichen wir bereits Sandras Standort. Nach einer kurzen Begrüßung beginnen wir mit dem Abstellen der Motorräder und dem erneuten Umpacken. Was zu Beginn der Reise auf den Motorrädern verstaut und sortiert wurde, muss nun gewissermaßen „rückwärts“ wieder sortiert werden. Ein Teil der Ausrüstung soll mit uns zurück nach Europa, anderes bleibt auf den Motorrädern. Deshalb erstellen wir nun erneut Listen und dokumentieren möglichst genau, was sich auf den Maschinen befindet. Wenn wir in knapp zwölf Monaten wiederkommen, soll nachvollziehbar sein, welche Ausrüstung, Ersatzteile und persönlichen Dinge dortgeblieben sind.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist der Grund für diese ganze Aktion ist die besondere Möglichkeit, die Uruguay bietet: Ausländische Fahrzeuge bis zu zwölf Monate im Land bleiben, ohne dass ihre Besitzer anwesend sein müssen. Ein aufwendiges Verfahren mit temporärer Einfuhrverlängerung oder Notartermin ist dafür nicht nötig. Man reist ein, stellt das Fahrzeug ab und kann wieder nach Hause fliegen. Wichtig ist vor allem, das Original-Zolldokument gut aufzubewahren. Darauf sind die 365 Tage vermerkt – und diese Frist beginnt für uns heute zu laufen. Nach dem Verstauen der Motorräder fährt Sandra uns zurück in Richtung Fährterminal. Bis zur Abfahrt haben wir noch ungefähr drei Stunden Zeit, die wir in einem Café verbringen und für eine kleine Stärkung nutzen. Anschließend geht es mit der Buquebus-Fähre wieder über den Río de la Plata nach Buenos Aires. Das Wetter bleibt angenehm: etwa 20 bis 25 Grad, zeitweise etwas bewölkt, aber insgesamt, wie schon während der ganzen Woche, ausgesprochen reisefreundlich.

Am Terminal in Puerto Madero nehmen wir ein Uber-Taxi und fahren zu unserem bereits vorgebuchten Hotel, dem „Believe Madero“. Das Hotel kennen wir bereits von unsere erste Reise nach Chile (Abschnitt 7). Bei unserer damaligen Rückreise hatte ich gemeinsam mit Thomas und Oliver bereits Zeit in Buenos Aires verbracht. Während der Reise hatten wir die Highlights von Buenos Aires und eben auch Puerto Madero besucht. Das Hotel liegt nur etwa zehn Autominuten vom Fährterminal entfernt liegt. Wir checken heute Abend erneut in dem Hotel ein. Die Lage des Hotels zwischen Puerto Madero und San Telmo ist für unseren kurzen Aufenthalt ideal. Uns leiben nun nur noch wenige Stunden in Buenos Aires. Nach dem Einchecken im Hotel gehen wir zu Fuß in Richtung Hafenbereich. Bei einem kleinen Essen und einem Getränk feiern wir ein wenig die erfolgreiche Überführung und Einlagerung unserer Motorräder. Gegen 22 Uhr sind wir zurück im Hotel. Das frühe Ende Heute Abend hat seinen Grund: Am nächsten Morgen müssen wir bereits gegen 7 Uhr am Flughafen sein.

Hier endet nun meine 11. Etappe von Alaska bis Feuerland. Unsere Motorräder bleiben zurück und warteten auf die nächste Reise. Für uns geht es nun ohne Motorrad nach Hause. Ab nach Hause!

 

 

Freitag, 30. Oktober 2026

Tag 5 => Strecke machen, das Ziel „Uruguay“ voraus => Labalouye – Buenos Aires – Colonia del Sacramento

Donnerstag, 29.10.26
gefahrene Kilometer: 600 km

 


Um sieben Uhr ist es hell, und wir starten wieder früh. Unser Ausgangspunkt ist das Hotel Colonial, das wir gestern erst wenige Stunden vor unserer Ankunft ganz spontan gebucht hatten. Nach einem kurzen Rechnen und Abwägen war klar: Die rund 600 Kilometer, die wir uns für heute aufgehoben haben, sind noch ein gutes Stück Arbeit. Also lieber zeitig los, mit Buenos Aires als Ziel und der Fähre nach Uruguay fest im Blick. Wir fahren grob nach Osten beziehungsweise Südosten über ausgebaute Land- und Bundesstraßen. Auffällig ist der enorme Lkw-Verkehr: Gefühlt sind auf den Fernstraßen acht von zehn Fahrzeugen Lastwagen, während nur wenige Pkw unterwegs sind. Auch der Straßenbelag verlangt Aufmerksamkeit. Immer wieder tauchen größere Schlaglöcher auf, die man besser rechtzeitig erkennt. Nach ungefähr zwei Stunden sehe ich Olli plötzlich nicht mehr im Rückspiegel. Ich drehe um und finde ihn am Straßenrand: Ihm ist übel geworden, das Frühstück musste wieder heraus, und er ist ziemlich blass. Können wir überhaupt weiterfahren? Kann Olli überhaupt auf dem Motorrad sitzen? Wir diskutieren und wägen einige Möglichkeiten ab. Mit ein paar Medikamenten und kürzeren Etappen aber dafür längeren Tank- und Toilettenpausen schaffen wir es, weiterzufahren. Zum Glück spielt das Wetter mit: Anfangs sind es etwa 15 Grad, später angenehme 25 Grad bei blauem Himmel. So kommen wir unserem Ziel Kilometer für Kilometer näher.

Je näher wir Buenos Aires kommen, desto dichter wird der Verkehr. Rund 100 Kilometer vor der Stadt nimmt er spürbar zu, und auf den letzten 50 Kilometern wird es richtig voll. Fünf Fahrspuren, Industrie- und Wohngebiete, Fast-Food-Restaurants, Geschäfte und Tankstellen ziehen sich entlang der Autobahn. Ich kenne Buenos Aires bereits von einem Familienaufenthalt und weiß, dass die Innenstadt sehr schön sein kann. Mit dem Motorrad ist die Anfahrt allerdings anspruchsvoll, stellenweise erinnert mich das Gewusel mit fünf oder sechs Spuren an den Verkehr rund um Los Angeles. Die letzten Kilometer führen uns direkt am Obelisken in der Innenstadt vorbei. Die Stimmung nach diesem anstrengenden Fahrtag hebt sich mit dem Anblick des Fährhafens und auch Olli geht es gesundheitlich wieder besser.

Die Überfahrt nach Uruguay haben wir bereits vorgebucht. Wir entscheiden uns für die Fährgesellschaft „Colonia Express“ und die Fähre um 18.30 Uhr nach Colonia del Sacramento. Gegen 17 Uhr erreichen wir das Gelände von Colonia Express – anderthalb Stunden vor der Abfahrt um 18.30 Uhr. Vor dem Boarding steht noch ein organisatorischer Abschnitt an. Da die Grenze zwischen Argentinien und Uruguay mitten im Río de la Plata verläuft, müssen die Ausreise aus Argentinien, die Einreise nach Uruguay und die entsprechenden zollrechtlichen Formalitäten bereits im Terminal erledigt werden. Dafür planen wir ungefähr eine Stunde ein. Am Zufahrtstor zum Fährterminal werden die argentinischen Fahrzeug- und Zollformalitäten erledigt, während ein Agrarkontrollhund unsere Motorräder und Gepäckstücke gründlich beschnüffelt. Wir nennen ihn liebevoll den „Bifi-Hund“: Olli hatte Bifis als Snack im Gepäck, die aber während der Einreise nach Chile von den Agrarbehörden einkassiert worden waren. Chile und Argentinien achten streng darauf, dass keine unerlaubten Fleisch- oder Fruchtprodukte ins Land gelangen. Das Motorrad ist nun aus Argentinien ausgereisst nun müssen nun noch wir selbst ausreisen. Dazu geht es für uns in das Fährterminal. Dort erledigen wir die Ausreise aus Argentinien und die Einreise nach Uruguay. Beide Länder sind hier, wie auch schon bei der letzten Grenzübertretung von auf dem Pass zwischen Chile und Argentinien, in einem Gebäude vertreten. An einem Fenster wird unsere Ausreise dokumentiert, am Fenster neben an dann die Einreise nach Uruguay. Unsere Pässe bekommen einen uruguayischen Stempel. Anschließend warten wir im Lounge-Bereich auf die Schnellfähre. Die Überfahrt ist unspektakulär und dauert ungefähr eine Stunde und 15 Minuten., die ich nahezu in meinem Sessel verschlafe.

Wir legen direkt in Colonia del Sacramento an und wollen direkt los, da werden wir vom Personal noch darauf hingewiesen das wir als Personen ja schon eingereist sind, aber das Motorrad noch nicht. Wir müssen noch einmal zum Zoll im Hauptgebäude und unseren „Temporären Import“ für unsere Motorräder durchführen. Stimmt, fast vergessen, wir dachten das wäre auch schon im Hafen von Buenos Aires mit erledigt worden. Die Prozedur ist allen Grenzen immer (grob) gleich: Pass vorzeugen, den deutschen Fahrzeugschein und, hier das erste Mal, auch der Versicherungsnachweis für Uruguay. Die Versicherung hatten wir und schon vor der Abreise besorgt. Diese deckte die „Mercosur“-Länder ab (Mercosur ist ein Handelsabkommen ähnlich unserer EU). Die Versicherung gilt also in den meisten Ländern Südamerikas, das macht es einfach für uns hier zu reisen.

Das Hotel liegt nur ca. einen Kilometer vom Hafen entfernt in der Altstadt von Colonia del Sacramento und somit erreichen unser Hotel „Posada el capullo“ in der Altstadt nach Verlassen des Hafens mit den Motorrädern nach wenigen Minuten. Die Lage ist perfekt, eine kurze Dusche, gegen 21:00 Uhr besuchen wir noch ein Restaurant „um die Ecke“ und beschließen den Tag mit einem Abendessen. Wir sind angekommen und Oli geht es gesundheitlich wieder gut. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende. Für heute lassen wir es gut sein.

Tag 4 => der Sprung über die Anden beginnt => Los Andes – Laboulaye

Mittwoch, 28.10.26 Tag 4
gefahrene Kilometer: 850 km

 


Heute ist der entscheidende Fahrtag dieser Etappe, sozusagen das Nadelöhr der gesamten Reise. Dem entsprechend bin ich (schon wieder) etwas nervös. Seit zwei Wochen checke ich täglich die Offiziellen Seiten von Chile und Argentinien um zu beobachten wann die relevanten Pässe aufgrund Schlechtwetter geschlossen sind und ob wir unsere Tour evtl. sogar über „Alternativrouten“ weiter unten im Süden durchführen müssen. Soar eine KI habe ich „beauftragt“ mir täglich eine Zusammenfassung bezüglich der Grenzübergänge, der Pässe und der Wetteraussichten zu senden. Gerade unser „Pass der ersten Wahl“, der „Paso de Libertadores“ macht die Planung in diesem Jahr sehr anspruchsvoll, insbesondere nach den außergewöhnlich schneereichen Bedingungen und den langen Sperrungen in den vergangenen Monaten. Vor wenigen Wochen lag auf den Straßen dort oben noch bis zu sechs Meter hoch Schnee. Die Grenze befindet sich immerhin auf 3.209 Meter über dem Meeresspiegel. Der Pass war in den letzten Monaten teilweise wochenlang gesperrt, ca. 2.000 wartende LKW hatten sich jeweils auf beiden Seiten des Passes angestaut. Dieser Pass ist die wichtigste und verkehrsreichste Straßenverbindung zwischen Argentinien und Chile. Er bildet die zentrale Lebensader für den Handel und den Tourismus zwischen den beiden Ländern. Über diese Route rollt der Großteil des gesamten Straßengüterverkehrs zwischen Argentinien und den chilenischen Häfen am Pazifik. Soviel zur Einleitung, jetzt müssen wir aber los…

Um sieben Uhr morgens starten wir die Motoren. Wir sind dick angezogen. Winterhandschuhe, Pullover unter der Jacke und zusätzliche Unterziehhose unter der Motoradhose sind Pflicht heute. Obwohl der Paso Los Libertadores für unsere Fahrtrichtung bereits seit vier Uhr geöffnet sein soll, haben wir bewusst gewartet, bis es hell wird. Gegen halb sieben wird es langsam Tag, und dank des Frühstücks ab sechs Uhr können wir uns vor der Abfahrt noch stärken. Wir nehmen den Pass inzwischen zum dritten Mal in Angriff. Diesmal kommen wir allerdings langsamer voran, denn nach der Wiederöffnung sind jede Menge Lastwagen unterwegs. An dem Gate kurz vor dem Pass, an dem gestern noch Schluss für uns war, fahren wir diesmal vorbei und stellen fest: So weit sind wir auf dieser Stecke noch nie gekommen. Es geht weiter in die Höhe für uns. Mit zunehmender Höhe wird es spürbar kälter. Die ersten Schneefelder tauchen neben der Straße auf, und vor uns liegen die berühmten „Los Caracoles“, die 29 engen Kurven des Passes. Das Thermometer pendelt um den Gefrierpunkt, mal zeigt es ein Grad unter null, mal einige Grad darüber. Dazu blauer Himmel und Sonnenschein, beste Bedingungen für unsere heutige Tour. Aber Vorsicht ist geboten, Wasserpfützen die auf der Straße im Schatten liegen, sind gefroren und bedeuten Straßenglätte. Schließlich erreichen wir den Pass, und schon liegt der Redentor-Tunnel vor uns. Die Bezeichnung „Paso de Christo Rendentor“ wird eher umgangssprachlich benutzt, der eigentliche Straßen- und Tunnelübergang zwischen Chile und Argentinien heißt offiziell „Paso Internacional Los Libertadores“ und diese Bezeichnung wird vor Ort für offiziellen Ausschilderungen dann auch benutzt.

Hinter dem Tunnel befindet sich die Grenzkontrollstelle zwischen Chile und Argentinien. Der Tunnel ist voller Dieselabgase. Man muss echt schneller fahren, als das einem eine C02 Vergiftung die Sinne raubt. Wir sind froh, als wir hinter dem wieder Tageslicht sehen. An der Grenzstation müssen wir uns zunächst kurz orientieren. Die Abfertigung beider Länder findet zusammen in einer Halle statt und ist erstaunlich unkompliziert: Am ersten Schalter reisen wir aus Chile aus, am zweiten wird die Einreise nach Argentinien erledigt, und am dritten Schalter werden die Motorradpapiere bearbeitet. Nach ungefähr einer Stunde ist alles geschafft. Anschließend nehmen wir hinter dem Hallenausgang dummerweise die falsche Abzweigung und finden uns erneut im Tunnel in Richtung Chile wieder, wieder eine dicke Portion Abgase für unsere Lungen. Ein kurzer Umweg, aber kein großes Problem, wir drehen um und setzen unsere Fahrt fort.

Die ersten 300 Kilometer ab Los Andes in Richtung Osten sind landschaftlich ein echtes Highlight. Nach dem Pass, nun schon in Argentinien, erwartet uns eine spektakuläre Gegend mit rotem Gestein, Felsen und weiten Tälern. Die Landschaft erinnert eher an Arizona oder die Gegend um Las Vegas als an das Chile, das man sich vielleicht vorgestellt hat. Das Motorradfahren macht hier richtig Spaß. Mit der Annäherung an die Region Mendoza verändert sich die Umgebung. Aus der wilden Felsenlandschaft wird zunehmend Agrarland, und die Temperaturen steigen kräftig an – inzwischen zeigt das Thermometer 27 Grad. Beim ersten Tankstopp legen wir deshalb einen Teil unserer zusätzlichen warmen Kleidung ab., die wir extra für den kalten Teil des Tages angezogen hatten. Wir tanken die Motorräder voll und gönnen uns selbst ein paar Snacks als Mittagessen. Eigentlich wollten wir heute in Mendoza übernachten. Die Stadt soll sehr schön sein, und es ist schade, dass wir sie nun auslassen müssen. Doch durch die Passschließung haben wir gestern einen ganzen Fahrtag verloren. Um unsere Fähre am Donnerstagabend in Buenos Aires noch rechtzeitig zu erreichen, bleiben uns nur zwei Fahrtage. Wir rechnen die verbleibende Strecke durch und stellen fest, dass bis Buenos Aires von unserem Startpunkt aus ungefähr 1.450 Kilometer vor uns liegen. Für morgen trauen wir uns in der verbleibenden Restzeit bis zur Fährabfahrt etwa 600 Kilometer zu. Damit ist klar: Heute müssen wir 850 Kilometer schaffen. Als Gas geben! Es geht meist geradeaus, links und rechts stehen niedriges Buschwerk und ein paar Bäume. Ab und zu unterbrechen Schilder die Monotonie. Immerhin entpuppt sich die Ruta 7 als gut ausgebaute, meist zweispurige Straße, vergleichbar mit einer deutschen Bundesstraße. Es gibt wenig Verkehr, und insgesamt lässt sie sich gut fahren. Besonderes Highlight ist ein Schild, das 3.200 Kilometer bis Río anzeigt. Das wäre zwar auch eine nette Alternative, aber unser Ziel heißt Buenos Aires.

Gegen 22 Uhr erreichen wir im Dunkeln Laboulaye an der Ruta 7. Warum Laboulaye? Nicht wegen besonderer Sehenswürdigkeiten, sondern weil der Ort strategisch günstig liegt. Wir beziehen das Zimmer unsere kurz vorab online gebuchten Hotels „Colonial“ und planen noch kurz den nächsten Tag. Dann ist dieser lange Fahrtag endlich vorbei, ein anstrengender Tag liegt hinter uns. Aber wir haben die Anden endlich überquert und einen großen Teil der verlorenen Zeit aufgeholt. Jetzt heißt es ausruhen, denn morgen wartet die nächste Etappe auf uns in Richtung Buenos Aires.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Tag 3 => Alles zurück auf Anfang => ganztägig Los Andes (und Umgebung)

Dienstag, 27.10.26
gefahrene Kilometer: 80 km

 



Der frühe Morgen beginnt für mich mit einer ordentlichen Portion Nervosität. Schließlich beschäftigt mich nur eine Frage: Wann wird der derzeit noch geschlossene Paso Los Libertadores endlich wieder geöffnet? Der Jetlag steckt mir, wie bei solchen Reisen in den ersten Reisetagen bei mir üblich, zusätzlich noch in den Knochen. So sitze ich bereits um fünf Uhr morgens in der Hotellobby und genieße den ersten (kostenlosen) Kaffee des Tages. Olli schläft zu diesem Zeitpunkt noch, und ich nutze die Ruhe, um meine Gedanken zu sortieren und die Reiseeinträge der vergangenen Tage nachzuholen. Gegen kurz vor sechs Uhr gesellt sich dann auch Olli zu mir. Ab sechs Uhr gibt es Frühstück. Doch so richtig bei der Sache sind wir beide nicht. Unsere Aufmerksamkeit gilt vielmehr den angekündigten Informationen der zuständigen Behörden. Gegen acht Uhr soll es eine neue Meldung zur Situation am Pass geben. Die Spannung steigt.

Vom Frühstücksraum unseres Hotels aus haben wir einen wunderbaren Blick auf die Anden – genau auf die Berge, die wir auf unserer Motorradreise überqueren müssen. Der Himmel beginnt langsam aufzureißen, das Blau setzt sich immer mehr durch. Wir können die Berge nun deutlich sehen, die Wolkendecke löst sich langsam aber stetig auf. Das sieht vielversprechend aus, doch schönes Wetter allein bedeutet natürlich noch lange nicht, dass die Passstraße heute tatsächlich freigegeben wird. Dann, gegen halb neun, kommt endlich die erhoffte Nachricht: Der Paso Los Libertadores ist wieder geöffnet! Allerdings gibt es einen entscheidenden Haken. Die Freigabe gilt zunächst nur für den Verkehr aus Argentinien in Richtung Chile. Für uns, die wir von Chile aus nach Argentinien fahren möchten, heißt es also weiterhin warten. Laut der veröffentlichten Mitteilung soll die Strecke für alle Fahrzeuge ab Mittwochmorgen, dem 28. Oktober, um vier Uhr auch in der Gegenrichtung freigegeben werden. Damit gibt es endlich eine konkrete Perspektive für unsere geplante Andenüberquerung. Ganz in trockenen Tüchern ist es für uns zwar noch nicht, aber die Hoffnung ist zurück.

Da wir heute ohnehin nicht mehr über den Pass fahren können, wollen wir den restlichen Tag nicht einfach im Hotel verbringen. Also beschließen wir, wie ursprünglich geplant, aufzubrechen und zum rund 30 Kilometer entfernten Checkpoint zu fahren. Dort wollen wir uns bei den zuständigen Offiziellen persönlich vergewissern, dass die angekündigte Öffnung am nächsten Morgen tatsächlich für uns Motorradfahrer gilt. Denn eine wichtige Frage bleibt: Dürfen morgen wirklich alle Fahrzeugtypen den Pass benutzen? Gerade bei winterlichen Straßenverhältnissen kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Fahrzeuggruppen ausgeschlossen werden oder Schneeketten vorgeschrieben sind. Für uns Motorradfahrer wäre das natürlich ein entscheidender Punkt. Die Fahrt zum Checkpoint wird zu einer wunderschönen kleinen Tour. Etwa eine Stunde lang geht es durch eine kurvenreiche Landschaft. Über uns spannt sich ein blauer Himmel, und im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Anden. Auch wenn wir unser eigentliches Tagesziel – die Überquerung des Passes – noch nicht erreichen können, genießen wir diese Fahrt durch die beeindruckende Bergwelt. Am Checkpoint angekommen, treffen wir auf einige dort wartende brasilianische Motorradfahrer. Wir kommen ein wenig ins Gespräch, so gut es eben möglich ist. Außerdem gönnen wir uns am dortigen Imbiss einen Cappuccino aus dem Automaten. Der ist zwar ziemlich überteuert, aber in dieser Situation nimmt man, was man bekommt. Vor allem wollen wir Klarheit von den Offiziellen. Und tatsächlich bestätigen sie uns noch einmal persönlich, dass ab morgen früh um vier Uhr die Durchfahrt auch von Chile nach Argentinien für alle Fahrzeugtypen möglich sein soll. Das ist genau die Auskunft, auf die wir gehofft haben. Eine letzte Frage lässt uns allerdings noch nicht ganz los: Wie sieht es mit einer möglichen Schneekettenpflicht aus? Wir haben zwar eine Art Schneeketten für unsere Motorräder dabei – tatsächlich handelt es sich um spezielle Kabelbinder, die für diesen Zweck angeboten werden. Ob diese im Ernstfall wirklich viel bewirken würden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Ganz ehrlich: Ob sie mehr als eine symbolische Sicherheitsmaßnahme darstellen, darf bezweifelt werden.

Anschließend fahren wir zurück nach Los Andes. Unterwegs wundern wir uns, dass hier auf ungefähr 800 Metern über dem Meeresspiegel sogar Kakteen und Wein wachsen. Das überrascht uns, denn wir hatten die Gegend eher mit langen, bitterkalten Jahreszeiten verbunden. Die Landschaft hält also auch abseits der großen Andenpässe ihre eigenen Überraschungen bereit. Gegen 14 Uhr suchen wir uns erneut ein Hotel. Die beste Wahl ist für uns nach wie vor das Inka-Hotel, in dem wir bereits zuvor übernachtet haben. Also checken wir wieder dort ein und beziehen dasselbe Zimmer wie am Vortag. Am Nachmittag schauen wir uns noch ein wenig in der Stadt um, essen etwas in einem Straßenrestaurant und gönnen uns anschließend etwas Ruhe. Morgen steht uns ein langer Fahrtag bevor, durch die Verzögerung am Pass haben wir inzwischen nur noch zwei Fahrtage, um rechtzeitig nach Buenos Aires zu gelangen. Dort müssen wir am Donnerstagabend die Fähre erreichen. Das bedeutet, dass wir in den kommenden zwei Tagen insgesamt rund 1.500 Kilometer zurücklegen müssen. Ein straffes Programm, das wenig Spielraum für weitere Verzögerungen lässt. Wir setzen nun alles auf eine Karte und hoffen, dass wir morgen früh tatsächlich über den Paso Los Libertadores nach Argentinien fahren können. 

Nach all dem Warten fühlt es sich an, als wären wir wieder ganz am Anfang, doch jetzt gibt es zumindest einen konkreten Plan.