gefahrene Kilometer: 80 km
Der frühe Morgen beginnt für mich mit einer ordentlichen Portion Nervosität. Schließlich beschäftigt mich nur eine Frage: Wann wird der derzeit noch geschlossene Paso Los Libertadores endlich wieder geöffnet? Der Jetlag steckt mir, wie bei solchen Reisen in den ersten Reisetagen bei mir üblich, zusätzlich noch in den Knochen. So sitze ich bereits um fünf Uhr morgens in der Hotellobby und genieße den ersten (kostenlosen) Kaffee des Tages. Olli schläft zu diesem Zeitpunkt noch, und ich nutze die Ruhe, um meine Gedanken zu sortieren und die Reiseeinträge der vergangenen Tage nachzuholen. Gegen kurz vor sechs Uhr gesellt sich dann auch Olli zu mir. Ab sechs Uhr gibt es Frühstück. Doch so richtig bei der Sache sind wir beide nicht. Unsere Aufmerksamkeit gilt vielmehr den angekündigten Informationen der zuständigen Behörden. Gegen acht Uhr soll es eine neue Meldung zur Situation am Pass geben. Die Spannung steigt.
Vom Frühstücksraum unseres Hotels aus haben wir einen wunderbaren Blick auf die Anden – genau auf die Berge, die wir auf unserer Motorradreise überqueren müssen. Der Himmel beginnt langsam aufzureißen, das Blau setzt sich immer mehr durch. Wir können die Berge nun deutlich sehen, die Wolkendecke löst sich langsam aber stetig auf. Das sieht vielversprechend aus, doch schönes Wetter allein bedeutet natürlich noch lange nicht, dass die Passstraße heute tatsächlich freigegeben wird. Dann, gegen halb neun, kommt endlich die erhoffte Nachricht: Der Paso Los Libertadores ist wieder geöffnet! Allerdings gibt es einen entscheidenden Haken. Die Freigabe gilt zunächst nur für den Verkehr aus Argentinien in Richtung Chile. Für uns, die wir von Chile aus nach Argentinien fahren möchten, heißt es also weiterhin warten. Laut der veröffentlichten Mitteilung soll die Strecke für alle Fahrzeuge ab Mittwochmorgen, dem 28. Oktober, um vier Uhr auch in der Gegenrichtung freigegeben werden. Damit gibt es endlich eine konkrete Perspektive für unsere geplante Andenüberquerung. Ganz in trockenen Tüchern ist es für uns zwar noch nicht, aber die Hoffnung ist zurück.
Da wir heute ohnehin nicht mehr über den Pass fahren können, wollen wir den restlichen Tag nicht einfach im Hotel verbringen. Also beschließen wir, wie ursprünglich geplant, aufzubrechen und zum rund 30 Kilometer entfernten Checkpoint zu fahren. Dort wollen wir uns bei den zuständigen Offiziellen persönlich vergewissern, dass die angekündigte Öffnung am nächsten Morgen tatsächlich für uns Motorradfahrer gilt. Denn eine wichtige Frage bleibt: Dürfen morgen wirklich alle Fahrzeugtypen den Pass benutzen? Gerade bei winterlichen Straßenverhältnissen kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Fahrzeuggruppen ausgeschlossen werden oder Schneeketten vorgeschrieben sind. Für uns Motorradfahrer wäre das natürlich ein entscheidender Punkt. Die Fahrt zum Checkpoint wird zu einer wunderschönen kleinen Tour. Etwa eine Stunde lang geht es durch eine kurvenreiche Landschaft. Über uns spannt sich ein blauer Himmel, und im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Anden. Auch wenn wir unser eigentliches Tagesziel – die Überquerung des Passes – noch nicht erreichen können, genießen wir diese Fahrt durch die beeindruckende Bergwelt. Am Checkpoint angekommen, treffen wir auf einige dort wartende brasilianische Motorradfahrer. Wir kommen ein wenig ins Gespräch, so gut es eben möglich ist. Außerdem gönnen wir uns am dortigen Imbiss einen Cappuccino aus dem Automaten. Der ist zwar ziemlich überteuert, aber in dieser Situation nimmt man, was man bekommt. Vor allem wollen wir Klarheit von den Offiziellen. Und tatsächlich bestätigen sie uns noch einmal persönlich, dass ab morgen früh um vier Uhr die Durchfahrt auch von Chile nach Argentinien für alle Fahrzeugtypen möglich sein soll. Das ist genau die Auskunft, auf die wir gehofft haben. Eine letzte Frage lässt uns allerdings noch nicht ganz los: Wie sieht es mit einer möglichen Schneekettenpflicht aus? Wir haben zwar eine Art Schneeketten für unsere Motorräder dabei – tatsächlich handelt es sich um spezielle Kabelbinder, die für diesen Zweck angeboten werden. Ob diese im Ernstfall wirklich viel bewirken würden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Ganz ehrlich: Ob sie mehr als eine symbolische Sicherheitsmaßnahme darstellen, darf bezweifelt werden.
Anschließend fahren wir zurück nach Los Andes. Unterwegs wundern wir uns, dass hier auf ungefähr 800 Metern über dem Meeresspiegel sogar Kakteen und Wein wachsen. Das überrascht uns, denn wir hatten die Gegend eher mit langen, bitterkalten Jahreszeiten verbunden. Die Landschaft hält also auch abseits der großen Andenpässe ihre eigenen Überraschungen bereit. Gegen 14 Uhr suchen wir uns erneut ein Hotel. Die beste Wahl ist für uns nach wie vor das Inka-Hotel, in dem wir bereits zuvor übernachtet haben. Also checken wir wieder dort ein und beziehen dasselbe Zimmer wie am Vortag. Am Nachmittag schauen wir uns noch ein wenig in der Stadt um, essen etwas in einem Straßenrestaurant und gönnen uns anschließend etwas Ruhe. Morgen steht uns ein langer Fahrtag bevor, durch die Verzögerung am Pass haben wir inzwischen nur noch zwei Fahrtage, um rechtzeitig nach Buenos Aires zu gelangen. Dort müssen wir am Donnerstagabend die Fähre erreichen. Das bedeutet, dass wir in den kommenden zwei Tagen insgesamt rund 1.500 Kilometer zurücklegen müssen. Ein straffes Programm, das wenig Spielraum für weitere Verzögerungen lässt. Wir setzen nun alles auf eine Karte und hoffen, dass wir morgen früh tatsächlich über den Paso Los Libertadores nach Argentinien fahren können.
Nach all dem Warten fühlt es sich an, als wären wir wieder ganz am Anfang, doch jetzt gibt es zumindest einen konkreten Plan.
