Freitag, 30. Oktober 2026

Tag 5 => Strecke machen, das Ziel „Uruguay“ voraus => Labalouye – Buenos Aires – Colonia del Sacramento

Donnerstag, 29.10.26
gefahrene Kilometer: 600 km

 


Um sieben Uhr ist es hell, und wir starten wieder früh. Unser Ausgangspunkt ist das Hotel Colonial, das wir gestern erst wenige Stunden vor unserer Ankunft ganz spontan gebucht hatten. Nach einem kurzen Rechnen und Abwägen war klar: Die rund 600 Kilometer, die wir uns für heute aufgehoben haben, sind noch ein gutes Stück Arbeit. Also lieber zeitig los, mit Buenos Aires als Ziel und der Fähre nach Uruguay fest im Blick. Wir fahren grob nach Osten beziehungsweise Südosten über ausgebaute Land- und Bundesstraßen. Auffällig ist der enorme Lkw-Verkehr: Gefühlt sind auf den Fernstraßen acht von zehn Fahrzeugen Lastwagen, während nur wenige Pkw unterwegs sind. Auch der Straßenbelag verlangt Aufmerksamkeit. Immer wieder tauchen größere Schlaglöcher auf, die man besser rechtzeitig erkennt. Nach ungefähr zwei Stunden sehe ich Olli plötzlich nicht mehr im Rückspiegel. Ich drehe um und finde ihn am Straßenrand: Ihm ist übel geworden, das Frühstück musste wieder heraus, und er ist ziemlich blass. Können wir überhaupt weiterfahren? Kann Olli überhaupt auf dem Motorrad sitzen? Wir diskutieren und wägen einige Möglichkeiten ab. Mit ein paar Medikamenten und kürzeren Etappen aber dafür längeren Tank- und Toilettenpausen schaffen wir es, weiterzufahren. Zum Glück spielt das Wetter mit: Anfangs sind es etwa 15 Grad, später angenehme 25 Grad bei blauem Himmel. So kommen wir unserem Ziel Kilometer für Kilometer näher.

Je näher wir Buenos Aires kommen, desto dichter wird der Verkehr. Rund 100 Kilometer vor der Stadt nimmt er spürbar zu, und auf den letzten 50 Kilometern wird es richtig voll. Fünf Fahrspuren, Industrie- und Wohngebiete, Fast-Food-Restaurants, Geschäfte und Tankstellen ziehen sich entlang der Autobahn. Ich kenne Buenos Aires bereits von einem Familienaufenthalt und weiß, dass die Innenstadt sehr schön sein kann. Mit dem Motorrad ist die Anfahrt allerdings anspruchsvoll, stellenweise erinnert mich das Gewusel mit fünf oder sechs Spuren an den Verkehr rund um Los Angeles. Die letzten Kilometer führen uns direkt am Obelisken in der Innenstadt vorbei. Die Stimmung nach diesem anstrengenden Fahrtag hebt sich mit dem Anblick des Fährhafens und auch Olli geht es gesundheitlich wieder besser.

Die Überfahrt nach Uruguay haben wir bereits vorgebucht. Wir entscheiden uns für die Fährgesellschaft „Colonia Express“ und die Fähre um 18.30 Uhr nach Colonia del Sacramento. Gegen 17 Uhr erreichen wir das Gelände von Colonia Express – anderthalb Stunden vor der Abfahrt um 18.30 Uhr. Vor dem Boarding steht noch ein organisatorischer Abschnitt an. Da die Grenze zwischen Argentinien und Uruguay mitten im Río de la Plata verläuft, müssen die Ausreise aus Argentinien, die Einreise nach Uruguay und die entsprechenden zollrechtlichen Formalitäten bereits im Terminal erledigt werden. Dafür planen wir ungefähr eine Stunde ein. Am Zufahrtstor zum Fährterminal werden die argentinischen Fahrzeug- und Zollformalitäten erledigt, während ein Agrarkontrollhund unsere Motorräder und Gepäckstücke gründlich beschnüffelt. Wir nennen ihn liebevoll den „Bifi-Hund“: Olli hatte Bifis als Snack im Gepäck, die aber während der Einreise nach Chile von den Agrarbehörden einkassiert worden waren. Chile und Argentinien achten streng darauf, dass keine unerlaubten Fleisch- oder Fruchtprodukte ins Land gelangen. Das Motorrad ist nun aus Argentinien ausgereisst nun müssen nun noch wir selbst ausreisen. Dazu geht es für uns in das Fährterminal. Dort erledigen wir die Ausreise aus Argentinien und die Einreise nach Uruguay. Beide Länder sind hier, wie auch schon bei der letzten Grenzübertretung von auf dem Pass zwischen Chile und Argentinien, in einem Gebäude vertreten. An einem Fenster wird unsere Ausreise dokumentiert, am Fenster neben an dann die Einreise nach Uruguay. Unsere Pässe bekommen einen uruguayischen Stempel. Anschließend warten wir im Lounge-Bereich auf die Schnellfähre. Die Überfahrt ist unspektakulär und dauert ungefähr eine Stunde und 15 Minuten., die ich nahezu in meinem Sessel verschlafe.

Wir legen direkt in Colonia del Sacramento an und wollen direkt los, da werden wir vom Personal noch darauf hingewiesen das wir als Personen ja schon eingereist sind, aber das Motorrad noch nicht. Wir müssen noch einmal zum Zoll im Hauptgebäude und unseren „Temporären Import“ für unsere Motorräder durchführen. Stimmt, fast vergessen, wir dachten das wäre auch schon im Hafen von Buenos Aires mit erledigt worden. Die Prozedur ist allen Grenzen immer (grob) gleich: Pass vorzeugen, den deutschen Fahrzeugschein und, hier das erste Mal, auch der Versicherungsnachweis für Uruguay. Die Versicherung hatten wir und schon vor der Abreise besorgt. Diese deckte die „Mercosur“-Länder ab (Mercosur ist ein Handelsabkommen ähnlich unserer EU). Die Versicherung gilt also in den meisten Ländern Südamerikas, das macht es einfach für uns hier zu reisen.

Das Hotel liegt nur ca. einen Kilometer vom Hafen entfernt in der Altstadt von Colonia del Sacramento und somit erreichen unser Hotel „Posada el capullo“ in der Altstadt nach Verlassen des Hafens mit den Motorrädern nach wenigen Minuten. Die Lage ist perfekt, eine kurze Dusche, gegen 21:00 Uhr besuchen wir noch ein Restaurant „um die Ecke“ und beschließen den Tag mit einem Abendessen. Wir sind angekommen und Oli geht es gesundheitlich wieder gut. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende. Für heute lassen wir es gut sein.

Tag 4 => der Sprung über die Anden beginnt => Los Andes – Laboulaye

Mittwoch, 28.10.26 Tag 4
gefahrene Kilometer: 850 km

 


Heute ist der entscheidende Fahrtag dieser Etappe, sozusagen das Nadelöhr der gesamten Reise. Dem entsprechend bin ich (schon wieder) etwas nervös. Seit zwei Wochen checke ich täglich die Offiziellen Seiten von Chile und Argentinien um zu beobachten wann die relevanten Pässe aufgrund Schlechtwetter geschlossen sind und ob wir unsere Tour evtl. sogar über „Alternativrouten“ weiter unten im Süden durchführen müssen. Soar eine KI habe ich „beauftragt“ mir täglich eine Zusammenfassung bezüglich der Grenzübergänge, der Pässe und der Wetteraussichten zu senden. Gerade unser „Pass der ersten Wahl“, der „Paso de Libertadores“ macht die Planung in diesem Jahr sehr anspruchsvoll, insbesondere nach den außergewöhnlich schneereichen Bedingungen und den langen Sperrungen in den vergangenen Monaten. Vor wenigen Wochen lag auf den Straßen dort oben noch bis zu sechs Meter hoch Schnee. Die Grenze befindet sich immerhin auf 3.209 Meter über dem Meeresspiegel. Der Pass war in den letzten Monaten teilweise wochenlang gesperrt, ca. 2.000 wartende LKW hatten sich jeweils auf beiden Seiten des Passes angestaut. Dieser Pass ist die wichtigste und verkehrsreichste Straßenverbindung zwischen Argentinien und Chile. Er bildet die zentrale Lebensader für den Handel und den Tourismus zwischen den beiden Ländern. Über diese Route rollt der Großteil des gesamten Straßengüterverkehrs zwischen Argentinien und den chilenischen Häfen am Pazifik. Soviel zur Einleitung, jetzt müssen wir aber los…

Um sieben Uhr morgens starten wir die Motoren. Wir sind dick angezogen. Winterhandschuhe, Pullover unter der Jacke und zusätzliche Unterziehhose unter der Motoradhose sind Pflicht heute. Obwohl der Paso Los Libertadores für unsere Fahrtrichtung bereits seit vier Uhr geöffnet sein soll, haben wir bewusst gewartet, bis es hell wird. Gegen halb sieben wird es langsam Tag, und dank des Frühstücks ab sechs Uhr können wir uns vor der Abfahrt noch stärken. Wir nehmen den Pass inzwischen zum dritten Mal in Angriff. Diesmal kommen wir allerdings langsamer voran, denn nach der Wiederöffnung sind jede Menge Lastwagen unterwegs. An dem Gate kurz vor dem Pass, an dem gestern noch Schluss für uns war, fahren wir diesmal vorbei und stellen fest: So weit sind wir auf dieser Stecke noch nie gekommen. Es geht weiter in die Höhe für uns. Mit zunehmender Höhe wird es spürbar kälter. Die ersten Schneefelder tauchen neben der Straße auf, und vor uns liegen die berühmten „Los Caracoles“, die 29 engen Kurven des Passes. Das Thermometer pendelt um den Gefrierpunkt, mal zeigt es ein Grad unter null, mal einige Grad darüber. Dazu blauer Himmel und Sonnenschein, beste Bedingungen für unsere heutige Tour. Aber Vorsicht ist geboten, Wasserpfützen die auf der Straße im Schatten liegen, sind gefroren und bedeuten Straßenglätte. Schließlich erreichen wir den Pass, und schon liegt der Redentor-Tunnel vor uns. Die Bezeichnung „Paso de Christo Rendentor“ wird eher umgangssprachlich benutzt, der eigentliche Straßen- und Tunnelübergang zwischen Chile und Argentinien heißt offiziell „Paso Internacional Los Libertadores“ und diese Bezeichnung wird vor Ort für offiziellen Ausschilderungen dann auch benutzt.

Hinter dem Tunnel befindet sich die Grenzkontrollstelle zwischen Chile und Argentinien. Der Tunnel ist voller Dieselabgase. Man muss echt schneller fahren, als das einem eine C02 Vergiftung die Sinne raubt. Wir sind froh, als wir hinter dem wieder Tageslicht sehen. An der Grenzstation müssen wir uns zunächst kurz orientieren. Die Abfertigung beider Länder findet zusammen in einer Halle statt und ist erstaunlich unkompliziert: Am ersten Schalter reisen wir aus Chile aus, am zweiten wird die Einreise nach Argentinien erledigt, und am dritten Schalter werden die Motorradpapiere bearbeitet. Nach ungefähr einer Stunde ist alles geschafft. Anschließend nehmen wir hinter dem Hallenausgang dummerweise die falsche Abzweigung und finden uns erneut im Tunnel in Richtung Chile wieder, wieder eine dicke Portion Abgase für unsere Lungen. Ein kurzer Umweg, aber kein großes Problem, wir drehen um und setzen unsere Fahrt fort.

Die ersten 300 Kilometer ab Los Andes in Richtung Osten sind landschaftlich ein echtes Highlight. Nach dem Pass, nun schon in Argentinien, erwartet uns eine spektakuläre Gegend mit rotem Gestein, Felsen und weiten Tälern. Die Landschaft erinnert eher an Arizona oder die Gegend um Las Vegas als an das Chile, das man sich vielleicht vorgestellt hat. Das Motorradfahren macht hier richtig Spaß. Mit der Annäherung an die Region Mendoza verändert sich die Umgebung. Aus der wilden Felsenlandschaft wird zunehmend Agrarland, und die Temperaturen steigen kräftig an – inzwischen zeigt das Thermometer 27 Grad. Beim ersten Tankstopp legen wir deshalb einen Teil unserer zusätzlichen warmen Kleidung ab., die wir extra für den kalten Teil des Tages angezogen hatten. Wir tanken die Motorräder voll und gönnen uns selbst ein paar Snacks als Mittagessen. Eigentlich wollten wir heute in Mendoza übernachten. Die Stadt soll sehr schön sein, und es ist schade, dass wir sie nun auslassen müssen. Doch durch die Passschließung haben wir gestern einen ganzen Fahrtag verloren. Um unsere Fähre am Donnerstagabend in Buenos Aires noch rechtzeitig zu erreichen, bleiben uns nur zwei Fahrtage. Wir rechnen die verbleibende Strecke durch und stellen fest, dass bis Buenos Aires von unserem Startpunkt aus ungefähr 1.450 Kilometer vor uns liegen. Für morgen trauen wir uns in der verbleibenden Restzeit bis zur Fährabfahrt etwa 600 Kilometer zu. Damit ist klar: Heute müssen wir 850 Kilometer schaffen. Als Gas geben! Es geht meist geradeaus, links und rechts stehen niedriges Buschwerk und ein paar Bäume. Ab und zu unterbrechen Schilder die Monotonie. Immerhin entpuppt sich die Ruta 7 als gut ausgebaute, meist zweispurige Straße, vergleichbar mit einer deutschen Bundesstraße. Es gibt wenig Verkehr, und insgesamt lässt sie sich gut fahren. Besonderes Highlight ist ein Schild, das 3.200 Kilometer bis Río anzeigt. Das wäre zwar auch eine nette Alternative, aber unser Ziel heißt Buenos Aires.

Gegen 22 Uhr erreichen wir im Dunkeln Laboulaye an der Ruta 7. Warum Laboulaye? Nicht wegen besonderer Sehenswürdigkeiten, sondern weil der Ort strategisch günstig liegt. Wir beziehen das Zimmer unsere kurz vorab online gebuchten Hotels „Colonial“ und planen noch kurz den nächsten Tag. Dann ist dieser lange Fahrtag endlich vorbei, ein anstrengender Tag liegt hinter uns. Aber wir haben die Anden endlich überquert und einen großen Teil der verlorenen Zeit aufgeholt. Jetzt heißt es ausruhen, denn morgen wartet die nächste Etappe auf uns in Richtung Buenos Aires.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Tag 3 => Alles zurück auf Anfang => ganztägig Los Andes (und Umgebung)

Dienstag, 27.10.26
gefahrene Kilometer: 80 km

 



Der frühe Morgen beginnt für mich mit einer ordentlichen Portion Nervosität. Schließlich beschäftigt mich nur eine Frage: Wann wird der derzeit noch geschlossene Paso Los Libertadores endlich wieder geöffnet? Der Jetlag steckt mir, wie bei solchen Reisen in den ersten Reisetagen bei mir üblich, zusätzlich noch in den Knochen. So sitze ich bereits um fünf Uhr morgens in der Hotellobby und genieße den ersten (kostenlosen) Kaffee des Tages. Olli schläft zu diesem Zeitpunkt noch, und ich nutze die Ruhe, um meine Gedanken zu sortieren und die Reiseeinträge der vergangenen Tage nachzuholen. Gegen kurz vor sechs Uhr gesellt sich dann auch Olli zu mir. Ab sechs Uhr gibt es Frühstück. Doch so richtig bei der Sache sind wir beide nicht. Unsere Aufmerksamkeit gilt vielmehr den angekündigten Informationen der zuständigen Behörden. Gegen acht Uhr soll es eine neue Meldung zur Situation am Pass geben. Die Spannung steigt.

Vom Frühstücksraum unseres Hotels aus haben wir einen wunderbaren Blick auf die Anden – genau auf die Berge, die wir auf unserer Motorradreise überqueren müssen. Der Himmel beginnt langsam aufzureißen, das Blau setzt sich immer mehr durch. Wir können die Berge nun deutlich sehen, die Wolkendecke löst sich langsam aber stetig auf. Das sieht vielversprechend aus, doch schönes Wetter allein bedeutet natürlich noch lange nicht, dass die Passstraße heute tatsächlich freigegeben wird. Dann, gegen halb neun, kommt endlich die erhoffte Nachricht: Der Paso Los Libertadores ist wieder geöffnet! Allerdings gibt es einen entscheidenden Haken. Die Freigabe gilt zunächst nur für den Verkehr aus Argentinien in Richtung Chile. Für uns, die wir von Chile aus nach Argentinien fahren möchten, heißt es also weiterhin warten. Laut der veröffentlichten Mitteilung soll die Strecke für alle Fahrzeuge ab Mittwochmorgen, dem 28. Oktober, um vier Uhr auch in der Gegenrichtung freigegeben werden. Damit gibt es endlich eine konkrete Perspektive für unsere geplante Andenüberquerung. Ganz in trockenen Tüchern ist es für uns zwar noch nicht, aber die Hoffnung ist zurück.

Da wir heute ohnehin nicht mehr über den Pass fahren können, wollen wir den restlichen Tag nicht einfach im Hotel verbringen. Also beschließen wir, wie ursprünglich geplant, aufzubrechen und zum rund 30 Kilometer entfernten Checkpoint zu fahren. Dort wollen wir uns bei den zuständigen Offiziellen persönlich vergewissern, dass die angekündigte Öffnung am nächsten Morgen tatsächlich für uns Motorradfahrer gilt. Denn eine wichtige Frage bleibt: Dürfen morgen wirklich alle Fahrzeugtypen den Pass benutzen? Gerade bei winterlichen Straßenverhältnissen kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Fahrzeuggruppen ausgeschlossen werden oder Schneeketten vorgeschrieben sind. Für uns Motorradfahrer wäre das natürlich ein entscheidender Punkt. Die Fahrt zum Checkpoint wird zu einer wunderschönen kleinen Tour. Etwa eine Stunde lang geht es durch eine kurvenreiche Landschaft. Über uns spannt sich ein blauer Himmel, und im Hintergrund erheben sich die schneebedeckten Anden. Auch wenn wir unser eigentliches Tagesziel – die Überquerung des Passes – noch nicht erreichen können, genießen wir diese Fahrt durch die beeindruckende Bergwelt. Am Checkpoint angekommen, treffen wir auf einige dort wartende brasilianische Motorradfahrer. Wir kommen ein wenig ins Gespräch, so gut es eben möglich ist. Außerdem gönnen wir uns am dortigen Imbiss einen Cappuccino aus dem Automaten. Der ist zwar ziemlich überteuert, aber in dieser Situation nimmt man, was man bekommt. Vor allem wollen wir Klarheit von den Offiziellen. Und tatsächlich bestätigen sie uns noch einmal persönlich, dass ab morgen früh um vier Uhr die Durchfahrt auch von Chile nach Argentinien für alle Fahrzeugtypen möglich sein soll. Das ist genau die Auskunft, auf die wir gehofft haben. Eine letzte Frage lässt uns allerdings noch nicht ganz los: Wie sieht es mit einer möglichen Schneekettenpflicht aus? Wir haben zwar eine Art Schneeketten für unsere Motorräder dabei – tatsächlich handelt es sich um spezielle Kabelbinder, die für diesen Zweck angeboten werden. Ob diese im Ernstfall wirklich viel bewirken würden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Ganz ehrlich: Ob sie mehr als eine symbolische Sicherheitsmaßnahme darstellen, darf bezweifelt werden.

Anschließend fahren wir zurück nach Los Andes. Unterwegs wundern wir uns, dass hier auf ungefähr 800 Metern über dem Meeresspiegel sogar Kakteen und Wein wachsen. Das überrascht uns, denn wir hatten die Gegend eher mit langen, bitterkalten Jahreszeiten verbunden. Die Landschaft hält also auch abseits der großen Andenpässe ihre eigenen Überraschungen bereit. Gegen 14 Uhr suchen wir uns erneut ein Hotel. Die beste Wahl ist für uns nach wie vor das Inka-Hotel, in dem wir bereits zuvor übernachtet haben. Also checken wir wieder dort ein und beziehen dasselbe Zimmer wie am Vortag. Am Nachmittag schauen wir uns noch ein wenig in der Stadt um, essen etwas in einem Straßenrestaurant und gönnen uns anschließend etwas Ruhe. Morgen steht uns ein langer Fahrtag bevor, durch die Verzögerung am Pass haben wir inzwischen nur noch zwei Fahrtage, um rechtzeitig nach Buenos Aires zu gelangen. Dort müssen wir am Donnerstagabend die Fähre erreichen. Das bedeutet, dass wir in den kommenden zwei Tagen insgesamt rund 1.500 Kilometer zurücklegen müssen. Ein straffes Programm, das wenig Spielraum für weitere Verzögerungen lässt. Wir setzen nun alles auf eine Karte und hoffen, dass wir morgen früh tatsächlich über den Paso Los Libertadores nach Argentinien fahren können. 

Nach all dem Warten fühlt es sich an, als wären wir wieder ganz am Anfang, doch jetzt gibt es zumindest einen konkreten Plan.

Tag 2=> Drei Probleme sind KEINE Probleme => Motorradabholung + Valparaiso - Los Andes

Montag, 26.10.26
gefahrene Kilometer: 260 km

 



Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Motorradübernahme. Den Termin mit unserem deutschsprachigen Ansprechpartner Ronny haben wir bereits Wochen zuvor genau abgestimmt. Ronny ist in der Motorradreiseszene gut bekannt und übernimmt vor Ort die Koordination der Zollabwicklung, der notwendigen Formalitäten und der Übergabe Unser Zeitplan ist eng, deshalb muss die Abholung an diesem Tag funktionieren. Wir haben schon vorab das passende Containerschiff so gewählt, das laut Fahrplan die Motorräder mindestens 2-3 Wochen vor uns in Valparaiso ankommen. Sicher ist sicher...

Wir verlassen unser Hotel früh und treffen Ronny gegen 9 Uhr am Zollgebäude im Zentrum von Valparaíso. Nach einer kurzen Begrüßung beginnt die Zollbehörde, welche sich direkt an unserem Treffpunkt befindet, mit der Arbeit. Die Bearbeitung der Papiere dauert ca. 45 Minuten. Wir nutzen diese Zeit und gehen gemeinsam mit Ronny, einem seiner Mitarbeiter und Tino aus Chemnitz (Tino holt auch heute sein Motorrad hier ab) in ein Café in der Nähe. Nach ca., 45 Minuten unterschreiben wir unsere notwendigen Zolldokumente im Gebäude des Zolls. Anschließend fährt Ronny mit uns ca. 5 km außerhalb von Valparaiso zu einem großen Gelände, dem sogenannten „trockenen Hafen“. Hier stehen hunderte von Containern und es gibt ein paar Hallen auf dem Gelände. Wir werden wir mit Warnwesten und Helmen ausgestattet, denn nur entsprechend ausgerüstet dürfen wir das umzäunte und bewachte Zollgelände betreten. In einer der Hallen stehen zahlreiche Motorräder. Nach kurzer Suche entdecken wir unsere beiden Maschinen. Ein besonderer Moment, denn Anfang August haben wir die Motorräder in Hamburg abgegeben. Nun, Ende Oktober, stehen sie nach ihrer Reise über den Atlantik hier in Valparaíso vor uns. Bevor wir das Gelände verlassen können, wartet noch einiges an Arbeit.

Auf den Motorrädern befindet sich bereits ein großer Teil unserer Ausrüstung: Kleidung, Motorradbekleidung, Stiefel, Motorradhose, Handschuhe, Werkzeug, Ersatzteile und weitere Dinge. Da wir bei der Anreise bewusst nur das Nötigste im Handgepäck mitgenommen haben, muss jetzt alles sinnvoll verteilt, neu verpackt und für die nächsten Fahrtage vorbereitet werden. Am Ende soll jedes Teil seinen festen Platz haben und während der kommenden Tage schnell erreichbar sein. Die Batterien müssen wieder angeschlossen werden, für den Transport wurden die Batterien abgeklemmt, außerdem befindet sich nur die zulässige geringe Restmenge Kraftstoff in den Tanks. Es gibt einige kleinere Probleme, die wir aber schnell vor Ort lösen können. Ollis Batterie hat während des Motorradtransportes die Befestigungsschrauben der Anschlusskabel verloren und unsere Reifen haben nur noch ca. ein Bar Luftdruck. Wir haben Ersatzschrauben und einen Akku-Kompressor dabei, somit sind die Probleme schnell abgestellt bzw. behoben. Nach rund drei Stunden sind die Gepäcksortierarbeiten und die Zollformalitäten erledigt, Ronny hat sich um die Papiere gekümmert, das Gepäck ist verstaut, wir haben unsere Motorradkleidung angezogen und damit ist auch der organisatorische Teil unserer Anreise abgeschlossen und wir können mit den Motorrädern los.

Gegen 13:00 Uhr kommen fahren wir in Valparaiso los. Zuerst zu einer ca. 10 km entfernten Tankstelle, da die Tanks durch die Vorgaben des Spediteurs nahezu leer sind. Während des Tankens schaue ich auf mein Handy und entdecke das Tino mir geschrieben hat. Tino hatten wir ja bei der Abholung kennengelernt und wir hatten unsere Kontaktdaten ausgetauscht. Das macht sich nun für Tino bezahlt, er schreibt das er ohne Benzin kurz vor der Tankstelle liegengeblieben ist. Kein Problem, wir füllen unsere Ersatzkanister, fahren zurück und bringen ihm Ersatz Sprit. Biker helfen sich natürlich untereinander, hier wird niemand „hängen gelassen“. Wir nehmen an der Tankstelle noch ein gemeinsames kleines Mittagessen ein, dann trennen sich die Wege von Tino uns. Olli und ich fahren die ca. 150 km über die „Routa 60“ nach Los Andes. Die Stadt liegt rund 80 Kilometer nördlich von Santiago de Chile im Aconcagua-Tal auf einer Höhe von ca. 820 Metern über dem Meeresspiegel. Los Andes ist ein zentraler Knotenpunkt für den Transitverkehr zwischen Santiago und Mendoza und ist sozusagen der Eingang zum Gebirgspass von Chile nach Argentinien.

Da es erst früher Nachmittag ist, fahren wir noch etwas weiter als Los Andes. Ca. 30 km hinter Los Andes liegt der Kontrollpunkt zum Pass „Los Liberatores bzw. Christo Redentor“ auf 1.600 Meter Höhe. Hier wird entschieden ob eine Durchfahrt erlaubt ist oder ob an dieser Stelle die Straße gesperrt ist. Der Kontrollpunkt liegt ca. 30 km vor dem Gipfel des Passes. Um es kurz zu machen: der Pass ist heute geschlossen, da auf dem Gipfel es heftig geschneit hat. Wir hatten schon damit gerechnet wollten uns aber an der „entscheidenden Stelle“ selbst davon überzeugen. Wir fahren also zurück nach Los Andes, beziehen ein kurzfristig gebuchtes Hotel (Inca Hotel). Kleiner Trost: wir sind nicht allein. Vor dem Hotel stehen ca. acht weitere Motorräder einer brasilianischen Reisegruppe. Alle wollen „rüber“ nach Argentinien. In ca. 12 Stunden gibt es neue Infos von den Behörden. Wir warten weiter ab….